Monatelang wurde über die Nachfolge von Eric Gujer an der Spitze der „Neuen Zürcher Zeitung“ spekuliert. Jetzt ist die Entscheidung gefallen, und sie bricht mit einer langen Tradition: Mit Mark Dittli übernimmt im Februar 2027 ein Wirtschaftsjournalist und Quereinsteiger die Führung der renommiertesten Schweizer Zeitung. Die Wahl könnte auch eine publizistische Richtungsänderung einleiten.
Die Entscheidung fiel am Mittwoch im Verwaltungsrat der NZZ. Nach monatelangem Rätselraten darüber, wer künftig die Redaktion der traditionsreichen Zeitung führen wird, setzte sich mit Mark Dittli ein Kandidat durch, den zunächst nur wenige auf der Rechnung hatten. Der 52-jährige Wirtschaftsjournalist und Medienunternehmer folgt auf Eric Gujer, der die NZZ seit 2015 prägt und das Blatt auf einen ausgeprägt liberal-konservativen, oft konfrontativen Kurs geführt hat. Für Kritiker hat die NZZ unter Gujer einen veritablen Rechtsruck hingelegt.
Bemerkenswert ist die Wahl gleich aus mehreren Gründen. Dittli kommt aus dem Wirtschaftsjournalismus, hat noch nie für die NZZ-Redaktion gearbeitet und bringt neben seiner journalistischen Erfahrung auch unternehmerische Kompetenz mit. Er ist damit ein Außenseiter in einer Zeitung, die ihre Chefredakteure traditionell aus den eigenen Reihen rekrutiert. Wie das Branchenportal „persoenlich.com“ herausgearbeitet hat, war dies seit 1885 ausnahmslos der Fall.
Vom Finanzjournalisten zum Medienunternehmer
Dittli begann seine journalistische Karriere im Jahr 2000 bei der Schweizer Wirtschaftszeitung „Finanz und Wirtschaft“, für die er unter anderem fünf Jahre als Korrespondent aus New York berichtete. Von 2012 bis 2017 leitete er das Blatt als Chefredakteur. Danach wechselte er für ein Jahr zum linken, genossenschaftlich organisierten Online-Magazin „Republik“, wo er zeitweise auch die redaktionelle Leitung übernahm.
2019 machte er sich mit sechs ehemaligen Kollegen von „Finanz und Wirtschaft“ selbstständig und gründete das digitale Finanzmedium „The Market“. Das Konzept: anspruchsvoller, analytischer Finanzjournalismus für professionelle Investoren, Vermögensverwalter und interessierte Privatanleger. Statt der täglichen Nachrichtenflut stehen fundierte Analysen von Unternehmen, Branchen, Finanzmärkten und langfristigen Anlagetrends im Mittelpunkt.
Die NZZ war von Anfang an als Minderheitsaktionärin beteiligt und übernahm das Unternehmen Ende 2023 vollständig. Im März 2024 expandierte „The Market“ nach Deutschland, wo eine eigene Redaktion aufgebaut wurde. Dittli blieb Geschäftsführer und Redakteur des Finanzdienstes.
Über die Entwicklung berichtete die
„Wirtschaftsjournalist:in“ ausführlich in der ersten Ausgabe dieses Jahres. Damals beschäftigte „The Market“ insgesamt 14 Redakteurinnen und Redakteure, vier davon in Deutschland. Die Gesamtzahl der Abonnenten lag noch unter 10.000, davon gut 1.000 in Deutschland. Dittli berichtete von starkem Wachstum und erklärte, dass der Dienst bereits seit 2021 durchgehend schwarze Zahlen schreibe.
Gerade diese Verbindung aus journalistischer Kompetenz, digitaler Produktentwicklung und unternehmerischer Erfahrung dürfte bei der Entscheidung des NZZ-Verwaltungsrats eine wesentliche Rolle gespielt haben. Das Unternehmen begründet die Berufung ausdrücklich auch mit den Herausforderungen durch künstliche Intelligenz und veränderte Nutzungsgewohnheiten.
Eine Absage an den Gujer-Kurs?
Die Personalentscheidung hat allerdings auch eine publizistische Dimension. Eric Gujer hat die NZZ in seinen fast zwölf Jahren an der Redaktionsspitze deutlich geprägt. Unter seiner Führung entwickelte sich das Blatt zu einer profilierten liberal-konservativen Stimme, die sich insbesondere in Deutschland mit scharfer Kritik an der Regierungspolitik und pointierten Kommentaren positionierte. Gujers Kurs war erfolgreich, aber keineswegs unumstritten. Auch innerhalb der Redaktion gab es über die Jahre immer wieder Kritik an seiner publizistischen Linie und seinem Führungsstil.
Als aussichtsreicher Nachfolger galt zuletzt insbesondere Benedict Neff, der frühere Feuilletonchef und heutige Leiter des Auslandsressorts. Neff wurde dem publizistischen Lager Gujers zugerechnet. Mit ihm wäre eine weitgehende Fortsetzung der bisherigen Linie zu erwarten gewesen.
Dass sich der Verwaltungsrat nun für Dittli entschieden hat, lässt sich deshalb durchaus als Signal interpretieren: Die NZZ will möglicherweise neue publizistische Akzente setzen und sich zugleich stärker auf die wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen des Mediengeschäfts konzentrieren.
Wie umstritten Dittlis Kandidatur war, zeigte sich bereits vor der Entscheidung. Der Schweizer Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann attackierte ihn Anfang Oktober in der „Weltwoche“ wegen seiner früheren Tätigkeit bei der „Republik“ und unterstellte ihm eine linke politische Orientierung. Tatsächlich war Dittli dort nur rund ein Jahr in Teilzeit tätig. Die NZZ selbst betont bei der Vorstellung ihres künftigen Chefredakteurs dessen „klare liberale Grundhaltung“.
Gujer bleibt für Deutschland zuständig
Eine grundlegende politische Neuausrichtung der NZZ wäre daraus allerdings voreilig abzuleiten. Denn Eric Gujer verlässt das Unternehmen nicht. Der 64-Jährige übernimmt die neu geschaffene Funktion des Herausgebers Deutschland. In dieser Rolle soll er die publizistische Präsenz der NZZ auf dem deutschen Markt weiterentwickeln und sich mit den großen Linien der deutschen und internationalen Politik beschäftigen.
Das ist keine Nebenaufgabe. Deutschland ist für die NZZ seit Jahren der wichtigste Wachstumsmarkt außerhalb der Schweiz. Gujer selbst hat diese Expansion maßgeblich vorangetrieben und mit seinen Kommentaren wesentlich dazu beigetragen, die Zeitung als eigenständige Stimme im deutschen politischen Diskurs zu etablieren. Seit 2017 erscheint eine eigene Deutschland-Ausgabe, bis 2030 strebt die NZZ dort 100.000 Abonnenten an.
Es spricht einiges dafür, dass die publizistische Linie zumindest im Deutschlandgeschäft erhalten bleibt. Wie die Zuständigkeiten zwischen dem neuen Chefredakteur und dem künftigen Herausgeber konkret aufgeteilt werden, dürfte eine der interessanteren Fragen des Führungswechsels werden.
von Marcus Hebein, Chefredakteur "Schweizer Journalist:in"
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Die
neue Ausgabe der „Wirtschaftsjournalist“ ist hier erhältlich. Darin geht es unter anderem um die Expansionspläne von Gabor Steingarts Media Pioneer, die Wahl der Mediensprecher des Jahres und ein Interview mit dm-Chef Christoph Werner.
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