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Julia Löhr (Foto: FAZ)
15.10.2026   Aktuelles
Julia Löhr: „Wir sind Beobachter, nicht Partei“
Seit September leitet Julia Löhr das Ressort Wirtschaftspolitik der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Im Interview mit der „Wirtschaftsjournalist:in“ spricht sie über den Wechsel von der Korrespondentin zur Ressortleiterin, den Einfluss der Politik auf die Wirtschaft und die Frage, was guten Wirtschaftsjournalismus ausmacht.
Julia Löhr gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zur Wirtschaftsredaktion der FAZ. Nach Stationen als Korrespondentin in Berlin und im Rhein-Main-Ressort übernahm sie im September die Leitung des Ressorts Wirtschaftspolitik. In der Rubrik „Letzte Worte“ beantwortet sie Fragen zu ihrer neuen Führungsaufgabe, zu journalistischer Distanz und zu den Veränderungen ihres Fachgebiets.


Sie folgen auf Heike Göbel, die die Wirtschaftsberichterstattung der FAZ über Jahrzehnte stark geprägt hat. Was wollen Sie in Ihrer neuen Funktion anders machen?
Es geht nicht ums Andersmachen. Die FAZ wird auch künftig marktwirtschaftliche Prinzipien hochhalten und immer wieder daran erinnern, dass die Lösung für unsere wirtschaftlichen Probleme nicht in noch mehr staatlichem Einfluss liegt. Was daraus an konkreter Wirtschaftspolitik folgt, darüber werden wir angesichts der heiklen Lage, in der sich das Land befindet, mehr denn je streiten müssen.

Sie berichten seit Jahren aus Berlin. Ist die Nähe zur Politik für Journalisten eher Vorteil oder Gefahr?
Mehr Vorteil als Gefahr. Als ich vor bald neun Jahren aus der Zentrale in Frankfurt am Main an das Parlamentsbüro der FAZ nach Berlin kam, brauchte ich eine Zeit, um zu verstehen, wie die Politikbetriebe funktionieren. Warum Politiker was wann sagen und machen – oder auch nicht. Wichtig ist, sich der eigenen Rolle bewusst zu sein. Wir sind Beobachter, nicht Partei. Und es hilft, die Berliner Bubble öfter mal zu verlassen.

Über die Rolle von Journalisten in Zeiten politischer Umbrüche wird derzeit viel diskutiert. Stellt sich diese Frage auch – oder vielleicht gerade – im Wirtschaftsjournalismus neu?
Ich empfinde Wirtschaftsjournalismus selten als politisch. Wir wollen niemanden rauf- oder runterschreiben. Die Herausforderung für uns besteht darin, dass politische Debatten losgelöst von ökonomischen Fakten geführt werden. Genau hier ist der Wirtschaftsjournalismus gefordert, wir müssen diese Fakten liefern und die Zusammenhänge erklären. Haben wir diese Rolle bislang perfekt ausgefüllt? Offensichtlich nicht. Auch auf Plattformen wie Instagram und Tiktok muss mehr Wirtschaft sein.

Sie moderieren mit Johannes Pennekamp den Podcast „Löhr & Pennekamp“. Was können Sie dort machen, was in einem klassischen FAZ-Artikel nicht funktioniert?
Artikel bündeln Fakten und Argumente, häufig setzen sie auch ein gewisses Hintergrundwissen voraus. Im Podcast liegt die Schwelle niedriger. Wir stellen uns Wirtschaftsthemen, die in der Kantine oder in der Kneipe gestellt werden. Man hört nicht nur das Ergebnis der Recherche, sondern auch den Weg dahin. An den Zuschriften merken wir, dass der Podcast viele erreicht, die nicht so oft den Wirtschaftsteil lesen.

Was war der beste Rat, den Sie in Ihrer Laufbahn bekommen haben?
Ein geschätzter Kollege, der inzwischen im Ruhestand ist, hat uns im Konferenzzimmer immer im imaginären Leser aus Uelzen vor Augen gehalten. Was interessiert ihn, welche Fragen stellt er sich, versteht er die Zahlen und Zitate in unseren Artikeln? Der Leser aus Uelzen begleitet mich bis heute, wenn ich einen Artikel schreibe.

Welche journalistische Geschichte hätten Sie gern selbst geschrieben?
Den Entwurf für die Reform des Gebäudeenergiegesetzes im Frühjahr 2023 hätte ich gerne als Erste gehabt. Aber da waren die „Bild“-Kollegen schneller.

Was würden Sie einem jungen Journalisten sagen, der heute in den Wirtschaftsjournalismus einsteigen will?
Unbedingt machen. Es gibt wenige Berufe, die so viele spannende Einblicke und zugleich so viele Freiheiten in der täglichen Arbeit bieten.


Die neue Ausgabe der „Wirtschaftsjournalist“ ist hier erhältlich. Darin geht es unter anderem um die Expansionspläne von Gabor Steingarts Media Pioneer, die Wahl der Mediensprecher des Jahres und ein Interview mit dm-Chef Christoph Werner.
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