Nach 19 Jahren verlässt Olaf Gersemann die „Welt“ und Axel Springer und macht sich mit einem KI-Unternehmen selbstständig. Wo die entscheidende Idee entstand, welche Rolle seine Arbeit mit KI dabei spielte und was ihm am Journalismus fehlen wird.
Gersemann war seit 2007 bei der „Welt“, seit 2010 leitete er das Ressort Wirtschaft und Finanzen. Im vergangenen Jahr wurde er zum stellvertretenden Chefredakteur mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz ernannt. Nun will er zunächst als Solopreneur starten und daraus nach Möglichkeit ein wachstumsorientiertes Start-up entwickeln. Gründen sei schon lange ein Traum gewesen, die konkrete Geschäftsidee habe ihm jedoch gefehlt. Die neuen Möglichkeiten durch KI hätten das geändert, wie er im Interview mit der "Wirtschaftsjournalist:in" verrät.
Gab es einen konkreten Moment, in dem aus dem Traum vom Gründen die Entscheidung wurde: Jetzt mache ich es wirklich?
Ja, tatsächlich bei einer längeren Autofahrt. Durch die neueren KI-Entwicklungen, insbesondere im sogenannten Vibe Coding, kann man leicht das Problem bekommen, plötzlich zu viele Geschäfts- oder Produktideen auf einmal zu haben und den Fokus zu verlieren. Auf jener Autofahrt ist mir dann jäh klar geworden, dass ich radikal vereinfachen und erst einmal alle Energie auf genau eine Idee konzentrieren muss. Ich bin richtig euphorisiert aus dem Auto gestiegen, weil ich wusste: Jetzt hab ich’s.
Sie waren bei der „Welt“ zuletzt für KI zuständig. Wie stark hat diese Arbeit Ihre Entscheidung beeinflusst, selbst Unternehmer zu werden? Oder auch Ihre Reisen nach Asien?
Eher die Arbeit der letzten 12 Monate. Fachkräfte, in Newsrooms und anderswo, können dank KI auf einmal selbst Software entwerfen, die ihre Arbeit besser, interessanter, effizienter machen. Das finde ich wirklich revolutionär, irgendwo auf LinkedIn habe ich das mal „die Demokratisierung der Informatik“ genannt. Dazu stehe ich.
Nach 19 Jahren bei „Welt“ und Springer: Können Sie schon ahnen, was Ihnen am Journalismus fehlen wird – und was überhaupt nicht?
Fehlen wird mir die Schnelligkeit und die damit verbundene Abwechslung: Projekte dauern drei Stunden oder drei Tage – aber nicht drei Monate oder Jahre. Fehlen wird mir bestimmt auch der privilegierte Zugang zu Personen und Ereignissen, den man als Journalist hat. Und fehlen wird mir die pointierte Meinungsäußerung. Da wird von einem Geschäftsmann mehr Zurückhaltung erwartet als von einem Journalisten. (he)
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