„Handelsblatt“-Chefredakteur Sebastian Matthes zieht im Interview mit kress pro eine klare Grenze für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Journalismus. Autorentexte müssten von Menschen geschrieben werden, KI dürfe sie aber verbessern. Gleichzeitig beschreibt er, wie das „Handelsblatt“ sein eigenes KI-Agentensystem bereits heute für Recherche und Faktenchecks einsetzt.
⇒ Auszug aus einem großen
Interview mit “Handelsblatt”-Chefredakteur Sebastian Matthes in der aktuellen Ausgabe von kress pro, mit der Titelgeschichte "KI in der Redaktion: Wie weit dürfen wir gehen?".
Herr Matthes, Sie sind ein fleißiger Verfasser von Kommentaren für das „Handelsblatt“ und Linkedin-Posts, gerade haben Sie zudem ein Buch fertig geschrieben. Wie viel Künstliche Intelligenz steckt in Ihren Texten?
Für mich ist Künstliche Intelligenz mittlerweile ein ständiger Begleiter im Alltag. Ich nutze das in unserer Redaktion entwickelte Agentensystem für Recherchen, aber auch für Feedback zu Texten und Gesprächsvorbereitungen. Außerdem nutze ich Claude für die Weiterentwicklung von Produktideen und redaktionellen Strategien. Dabei geht es nicht darum, Entscheidungen oder intellektuelle Arbeit an ein Sprachmodell zu delegieren. Ich nutze KI wie einen jederzeit verfügbaren Sparringspartner: Ich formuliere eine These, prüfe meine Argumentation, lasse mir Gegenargumente zeigen und entdecke mitunter blinde Flecken. Das ähnelt einem kurzen Gespräch mit einer Kollegin oder einem Kollegen auf dem Flur – nur dass dieser Austausch jederzeit möglich ist und sich beliebig vertiefen lässt.
In der Medienbranche wird derzeit kontrovers über den zulässigen Umfang des KI-Einsatzes beim Schreiben journalistischer Texte diskutiert. Während Springer-Chef Mathias Döpfner seinen Journalisten viel Spielraum lässt, hat der „Spiegel“ gerade seine Regeln verschärft. Artikel dürfen demnach nicht mehr von einer KI geschrieben oder umgeschrieben werden. Wo genau positioniert sich das „Handelsblatt“ in dieser Frage
Jedes Medium muss diese Frage für sich selbst beantworten. Beim „Handelsblatt“ gibt es eine klare Regel für Autorentexte: Der Mensch schreibt, die Künstliche Intelligenz darf verbessern. Nicht umgekehrt. Wir nutzen KI, um Formulierungen zu schärfen, Argumentationen zu prüfen oder Informationen zu strukturieren. Ein Autorentext muss aber immer von einem Menschen geschrieben, geprüft und verantwortet werden. Mich stört an der aktuellen Diskussion, dass wir uns in technischen Fragen verlieren, anstatt über die Qualität der Ergebnisse zu sprechen. Denn KI ist eine Technologie mit großen Chancen und erheblichen Risiken. Auf ihren Einsatz zu verzichten, wäre unklug: Sie kann uns Redaktionen bei administrativen Dingen und Produktionsaufgaben entlasten, damit wir mehr Ressourcen für Journalismus haben.
Die Skeptiker in der Branche argumentieren, dass durch einen übermäßigen KI-Einsatz das Vertrauen in den Journalismus und damit auch sein Geschäftsmodell gefährdet wird.
Das ist sicher richtig. Deswegen sagen wir ja auch ganz klar, dass unsere Texte von Menschen geschrieben werden. Es gibt aber auch Felder, in denen KI einen Journalismus möglich macht, der vorher nicht denkbar war. Stellen Sie sich Signale an Finanzmärkten oder Zusammenhänge in großen Datenmengen vor, die ein Mensch allein kaum erkennen könnte. Wenn KI uns auf solche Muster aufmerksam macht, können daraus Nachrichten entstehen, die ohne diese Technologie niemand gesehen hätte. Wenn dieser Nutzen erkennbar ist, wird auch die Bereitschaft steigen, dafür zu bezahlen.
Sie sprechen immer von Autorentexten. Gelten für andere Texte andere Regeln?
Im Nachrichtenbereich wird es sicherlich Segmente geben, in denen wir in den nächsten Monaten stärker KI-unterstützt arbeiten werden, dann aber klar gekennzeichnet. KI ist für uns kein Instrument, um Journalismus überflüssig zu machen, sondern eine Art Exoskelett, um ihn zu stärken. Deshalb haben wir in den vergangenen Monaten ein redaktionseigenes KI-Agentensystem gebaut, das unsere Redaktion bei der journalistischen Arbeit in allen erdenklichen Formen unterstützt.
Was leistet dieses System?
Sie können sich das wie eine automatisierte Nachrichtenagentur vorstellen, die rund um die Uhr mehr als hundert Datenquellen mit Abertausenden Datenpunkten überwacht. Dazu zählen Echtzeit-Daten von Börsen, Rohstoff- und Devisenmärkten genauso wie Geschäftsberichte, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Baugenehmigungen, Zentralbankdaten und aktuelle Zahlen von Prognosemärkten. Unser Agentensystem ist aber nicht nur eine schlaue Recherche-Datenbank, es scannt diese Daten auf Anomalien und versucht, zwischen ihnen Verbindungen herzustellen.
Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Neulich registrierte das System eine heftige Reaktion der Aktie eines SDax-Werts – und lieferte die mögliche Erklärung gleich mit: Zur gleichen Zeit wurde ein Gesetz im Bundestag verhandelt, das für dieses Unternehmen und die ganze Branche hochrelevant war. Das war sehr interessant für einen Teil der Industrie. Künftig halte ich es für denkbar, dass unser Agentensystem in einem solchen Fall auch einen Vorschlag für ein kleines Nachrichtenstück macht. Solche automatisch generierten Texte würden aber immer von einem Menschen redigiert, überprüft und abgenommen. Dadurch können wir zum Beispiel über Bewegungen von Aktienkursen kleinerer Werte berichten, die wir sonst nie gecovert hätten. Wie so etwas aussehen kann, entscheiden wir im Herbst.
Welche Teile des Agentensystems nutzen Sie schon jetzt?
Seit April ist bereits die Recherche-Funktion im Einsatz, kürzlich haben wir es für einen schnellen Faktencheck an unser Redaktionssystem angeschlossen. Mit dem System kann man übrigens genauso interagieren wie mit Claude oder ChatGPT. Der Unterschied zu den Sprachmodellen ist, dass unser System immer in Originalquellen recherchiert und den Rechercheweg transparent macht. Ich könnte zum Beispiel unser Interview durch unseren AI-Newsroom schicken und das System bitten, jede Aussage und jede Zahl auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Mittlerweile gibt es keinen Text, für den ich dieses Tool nicht selbst nutze. Mitunter schlägt es mir beim Faktencheck aktuellere Zahlen oder eine Studie vor, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich halte es durchaus für denkbar, dass wir dieses Recherche-Tool in Zukunft auch unseren Abonnenten zur Verfügung stellen werden.
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