Diversität steht bei praktisch jedem Medienhaus ganz oben auf der To-do-Liste. Es gibt Mentoring-Programme, Diversity-Beauftragte, Selbstverpflichtungen. Nur: Bei der sozialen Herkunft wirkt davon offenbar wenig. Das zeigt eine neue Studie.
Tanja Köhler (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) und Julia Lönnendonker (TU Dortmund) haben dafür 250 Nachwuchsjournalistinnen und - journalisten befragt – 180 Volontäre, 70 Journalistenschülerinnen. Es ist die bislang größte Erhebung zu diesem Thema in Deutschland, finanziert von der Otto Brenner Stiftung (Halem Verlag). Das Ergebnis: Wer aus einem Akademiker-Haushalt kommt, hat es im Journalismus deutlich leichter als Kinder aus Arbeiterfamilien.
Konkret: Nachwuchsjournalisten aus der niedrigsten Bildungsherkunftsgruppe sind in Redaktionen und Journalistenschulen kaum zu finden. Über 90 Prozent aller Befragten haben studiert, ein Realschulabschluss ist die Ausnahme. Und obwohl viele Häuser Diversität predigen, taucht soziale Herkunft in ihren Programmen bislang so gut wie nicht auf.
Der Grund liegt oft im Geld: Wer aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt stammt, nennt am häufigsten fehlende finanzielle Mittel als Grund, warum ein Praktikum ausfiel. Kinder von Akademikern sammeln dagegen öfter Erfahrung als freie Mitarbeiter, haben eher die richtigen Kontakte und können sich beim Berufseinstieg auf die Eltern verlassen. Wer aus einfacheren Verhältnissen kommt, steht damit häufiger allein da – und sieht die Branche entsprechend kritischer: Je niedriger der eigene soziale Status eingeschätzt wird, desto skeptischer fällt der Blick auf die Vorstellung aus, im Journalismus zähle nur Leistung.
Neu ist der Befund nicht, aber er ist selten so aktuell und breit belegt worden: Eine große deutsche Untersuchung dazu stammt von Weischenberg et al. aus dem Jahr 2006. Eine große Untersuchung des Reuters Institute über britische Journalisten kam 2025 ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Menschen aus weniger privilegierten sozialen Verhältnissen im Journalismus deutlich unterrepräsentiert sind. Auch eine Vergleichsstudie der Unis Mainz und Oxford kam 2019 zum selben Schluss – Journalismus in Deutschland, Schweden und Großbritannien sei ein "geschlossener Kreis" der Bildungs-Mittel- und Oberschicht. Die neue Studie bestätigt das mit deutlich mehr Daten.
Die Autorinnen fordern deshalb unter anderem Pflichtschulungen zu Klassismus, ein systematisches Erfassen sozialer Herkunft im Bewerbungsprozess und Quoten für Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen. Die Studie ist frei zugänglich (Open Access):
Klassismus im Journalismus - Herbert von Halem Verlag .
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