Gabor Steingart und Dirk Kurbjuweit (Foto) kennen sich seit gemeinsamen Jahren im Spiegel-Hauptstadtbüro. Jetzt geht Steingart öffentlich auf Distanz zu Kurbjuweits neuer KI-Linie.
The Pioneer-Gründer und Chefredakteur Gabor Steingart präsentiert in seinem aktuellen Morning Briefing als Aufmacherbild einen gefesselten humanoiden Roboter, der vor dem Spiegel-Gebäude an der Ericusspitze in der Hamburger HafenCity steht.
Mit den Fesseln
spielt Steingart auf einen Essay von Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit an. Kurbjuweit beschreibt darin, wie er nach einer denkwürdigen Redaktionskonferenz zu folgendem Urteil kam: „Wir lassen unsere Texte nicht von einer KI schreiben oder umschreiben." Die KI ist aber nicht außen vor. Sie soll helfen, „das bestmögliche Menschenmedium zu machen".
Kurbjuweits Essay hat eine besondere Perspektive: „Wir haben ein Gemüt, das sich aus unserem Leben speist, aus unserem Menschsein, und ein erheblicher Teil des Gemüts ist die Leidenschaft, mit der wir unserer Arbeit nachgehen", erklärt der Spiegel-Journalist, für den Schreiben „das reine Glück" bedeutet. Die KI dagegen habe kein Gemüt, keine Leidenschaft. Sie könne das vielleicht simulieren, könne uns in allem nachäffen, aber sie könne nichts empfinden. Auch Redaktionen haben ein Gemüt: „Es setzt sich zusammen aus den Einzelgemütern, aus den Traditionen des Hauses, aus den Gesprächen, die wir miteinander haben, aus den Texten, die wir voneinander lesen, den Podcasts, die wir hören, den Fotos und Videos, die wir betrachten. Es gibt ein Spiegel-Gemüt, so wie es ein Zeit-Gemüt oder ein FAZ-Gemüt gibt."
Steingart nimmt für seine Kritik ein Zitat aus dem Kurbjuweit-Text zum Aufhänger für seine Kritik. „Die KI ist kalt, wir leben." Steingart findet die Aussage schwachsinnig. Auch der Fahrstuhl sei kalt gegenüber dem Treppensteigen, das Automobil gegenüber dem Pferdegespann und die Textilmaschine gegenüber der Handstickerei – doch Kurbjuweit habe sich davon einnehmen lassen. Die bisher schon rigide Einstellung des Spiegel gegenüber der Künstlichen Intelligenz wird jetzt erst richtig rigoros, findet der The Pioneer-Lenker.
Und dann wird es persönlich: Steingart berichtet, dass Kurbjuweit einst sein Stellvertreter im Spiegel-Hauptstadtbüro war. Er sei ein romantisch-pathetischer Mensch. Er habe viele Romane geschrieben, auch solche, die verfilmt worden seien, weiß Steingart: Kurbjuweit sei klug und formuliere besser, als es die KI je können werde. Das Problem sei die Positionierung, die er dem Leitmedium Spiegel gebe. Und der Spiegel ist aus Sicht von Steingart dabei nicht allein: “Eine romantisch verklärte Technologieverschlossenheit hat Besitz ergriffen von großen Teilen der kulturellen Elite. Man will nicht die Moderne besiedeln, sondern im deutschen Romantiktal sein Wigwam aufschlagen.”
Es habe eine Treibjagd auf Minister und Ministerpräsidenten begonnen, die KI für ihre Aufsätze und Reden eingesetzt hätten. Ein bekannter Plagiatjäger aus Österreich habe dafür sein Geschäftsmodell erweitert. Er benutze jetzt KI-Algorithmen, um KI-Texte zu enttarnen. Für Steingart ist das surreal und er spannt den Bogen noch weiter: Während Elon Musk zum Mars strebe, sei Deutschland auf dem Weg zurück in die Vergangenheit. Neue Technik werde im Alltag ignoriert, kuratiert und zensiert. “Ein Held ist, wer US-Firmen wie Palantir, Meta und OpenAI verächtlich macht. Technologiefeindlichkeit wird als neuer Humanismus verkauft. Es lebe die Kreidezeit", unkt Steingart.
Den internationalen Rückstand beschreibt der Medienmanager,
der mit einem neuen Medienschiff von Frankfurt aus den Finanzjournalismus aufmischen will, mit einem Zitat von Telekom-Chef Tim Höttges: "In der ersten Halbzeit haben wir verloren; in der zweiten liegen wir hinten." US-Konzerne hielten ihre Belegschaften zur intensiven KI-Nutzung als. Als Beleg für die gegensätzliche Unternehmenskultur in den USA zitiert Steingart Nvidia-Chef Jensen Huang: Dieser habe zum Beispiel im März im All-In-Podcast erklärt, es alarmiere ihn, wenn ein Ingenieur mit einem Jahresgehalt von 500.000 Dollar nicht mindestens "Tokens im Wert von 250.000 Dollar" verbrauche.
Dieser Text ist
auf kress.de erschienen.
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