Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann geht in seiner neuen Rolle als Medienberater voll auf. "Ich genieße heute eine Freiheit, die ich so nicht kannte. Als Chefredakteur war ich immer komplett durchgetaktet und am Ende fremdbestimmt", sagt Klusmann im Titel-Interview der aktuellen Ausgabe der "Wirtschaftsjournalist:in".
Er arbeite zwar weiterhin viel – meist drei Tage pro Woche vor Ort in den Redaktionen und den Rest im Hamburger Home-Office – könne sich seine Zeit aber deutlich flexibler einteilen. "Fühlt sich an wie eine 80-Prozent-Stelle, obwohl es wahrscheinlich mehr ist." Mit seiner jahrelangen Führungserfahrung bei "Wirtschaftswoche", "Manager Magazin", "FTD", "stern" und "Spiegel" sieht Klusmann sich anderen Beratern gegenüber im Vorteil: "Consultants sind zumeist Number-Cruncher, die verstehen gar nicht, wie eine Redaktion funktioniert und was eine gute Story ausmacht. Das ist für Chefredakteure nur schwer zu akzeptieren. Von einem Typen wie mir, mit seiner Erfahrung, nimmt man Ratschläge leichter an."
Einen Bedeutungsverlust sieht er in seiner neuen Rolle nicht: "Zuhören, sich austauschen, Ideen entwickeln – das gefällt mir. Ich war lange genug der Boss. Und ich verstehe genug vom Geschäftsmodell, um auch von Verlagsmanagern ernst genommen zu werden." Redaktionelle Beratung funktioniere aber nur, wenn Chefredaktionen und ihre Teams dies wirklich wollen. Selbst noch einmal irgendwo Chefredakteur zu werden, schließt Klusmann aus. "Das war ich 20 Jahre lang. Da muss ich mir nichts mehr beweisen.". Er könne sich vorstellen, ein junges Unternehmen zu begleiten, "aber nicht als Gründer mit Zwölf-Stunden-Tagen".
Im ausführlichen Interview von Medienjournalist Roland Karle erinnert sich Klusmann auch an den Aufbau und Niedergang der "Financial Times Deutschland", die aus seiner Sicht "wahrscheinlich der letzte Rock 'n' Roll im deutschen Wirtschaftsjournalismus" war. In den letzten Wochen vor der Einstellung "musste ich schon das ein oder andere Mal weinen". Außerdem erzählt er von der Aufarbeitung des „Reloitius“-Skandals zu seinem Amtsantritt beim "Spiegel" und seinem unrühmlichen Abgang dort: "Mir wurden dann Dinge abverlangt, die ich komplett falsch fand. Und in solchen Fällen trennt man sich besser."
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