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News / Neutral berichten? Chefredakteurin Abdelaziz-Ditzow räumt mit einem Journalismus-Mythos auf
Mary Abdelaziz-Ditzow (Foto: privat)
09.06.2026   Aktuelles
Neutral berichten? Chefredakteurin Abdelaziz-Ditzow räumt mit einem Journalismus-Mythos auf
Immer mehr Bürger fordern „neutralen" Journalismus – und immer mehr Journalisten verteidigen sich gegen diesen Vorwurf. Mary Abdelaziz-Ditzow, Chefredakteurin bei Finanzfluss, sagt in einem Gastbeitrag für kress.de: Die ganze Debatte basiert auf einem Irrtum. Und sie belegt es.
Im viel diskutierten Gespräch zwischen Funke-Digital-Chefredakteurin Melanie Amann und Podcast-Host Ben Berndt stand eine Frage im Mittelpunkt: Ist der etablierte Journalismus noch neutral – oder längst zum Aktivismus geworden? Berndt forderte mehr Neutralität, Amann verteidigte Einordnung als journalistische Pflicht. Die Debatte hat offenbar einen Nerv getroffen.
 
Mary Abdelaziz-Ditzow, Chefredakteurin Wirtschaft & News bei Finanzfluss und frühere Ressortleiterin beim Handelsblatt und n-tv, nimmt das zum Anlass für einen kress.de-Gastbeitrag – und räumt mit einem weit verbreiteten Irrtum auf: Neutralität wird vom Journalismus weder gefordert noch ist sie möglich.
 
"Die Debatte um den „nicht neutralen“ Journalismus hierzulande hat Konjunktur. Immer mehr Bürger üben diese Kritik. Auch im Podcast-Gespräch von Melanie Amann und Ben Bernd wurde lebendig darüber diskutiert, ob und wie „neutral“ der Journalismus nicht mehr sei. Dabei findet die Diskussion auf einem Trugschluss, ja, einer völlig falschen Grundannahme statt. Und damit ist der ganze Diskurs irreführend und destruktiv.
 
Das Wort »Neutralität« findet sich in den Grundsätzen des Medienstaatsvertrags nicht wieder. Stattdessen verpflichtet der Medienstaatsvertrag öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten neben einer unabhängigen, sachlichen, wahrheitsgemäßen und umfassenden Berichterstattung, die jedoch auch Bewertungen zulässt, zur Objektivität und Unparteilichkeit und zu einer möglichst (!) breiten Themen- und Meinungsvielfalt in ausgewogener Darstellung. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass sich diese Grundsätze auf das Gesamtangebot beziehen, also nicht jede einzelne Sendung oder jeder Beitrag absolut objektiv sein muss, sondern das Programm als Ganzes ausgewogen und pluralistisch sein soll. Entlang dieser Definition sollten wir anerkennen, dass es einen beachtlichen Unterschied zwischen Neutralität und Objektivität gibt.
 
Auch der Pressekodex formuliert in seinen Ziffern keine Forderung nach Neutralität, nicht einmal explizit nach Objektivität. Vielmehr geht es vor allem um Wahrhaftigkeit, journalistische Sorgfalt und die Achtung der Menschenwürde.
 
Vergessen wir auch bitte nicht: Der Tendenzschutz erlaubt es Medienunternehmen grundsätzlich, die politische oder weltanschauliche Ausrichtung  ihres Mediums festzulegen, zu bewahren und von den Mitarbeitern einzufordern.
 
Gleichzeitig - und das ist bemerkenswert - ist die allgemeine Erwartungshaltung an Journalisten oft, dass sie „neutral“ berichten müssen. Sogar Medienverantwortliche selbst - bis hin in gewisse Chefredaktionen - glauben an diesen Mythos. So zumindest mein Eindruck, der sich durch diverse Gespräche unter Dreien mit Chefredakteuren ergibt.
 
Wie kommt es zu diesem breit in die Bevölkerung getragenen Missverständnis? Ich denke, dieser Mythos hält sich so hartnäckig, weil er das Bedürfnis nach einer unabhängigen Meinungsbildung und Fairness in der Berichterstattung widerspiegelt. Das ist nachvollziehbar. Doch theoretisch betrachtet müssen wir hier sauber trennen, denn hier wird etwas Unmögliches vom Journalismus erwartet.
 
Neutralität in der Berichterstattung würde eine strikt unparteiische Haltung und eine rein sachliche und damit auch nüchterne, nicht wertende Wiedergabe von Informationen bedeuten. Das heißt nach meinem Verständnis: keine Gewichtung, keine Auswahl, sondern die Wirklichkeit eins zu eins wiedergeben. Der Journalistik-Professor Tanjev Schultz sagt nicht zu Unrecht, dass Neutralität bedeuten würde, die Welt so abzubilden, wie sie ist. Das ist schon deshalb unmöglich, weil Journalismus auswählt. Was ist es wert, berichtet zu werden? Hinter jeder Auswahl verbergen sich Wertentscheidungen. Dass sich das Wort „Neutralität“ im Medienstaatsvertrag an den zuvor zitierten Stellen nicht wiederfindet, ergibt aus dieser Perspektive betrachtet Sinn.
 
Wir müssen endlich mit diesem Missverständnis aufräumen. Nur so können wir das Vertrauen in „die Medien“ zurückgewinnen und konstruktiv darüber diskutieren, welche Rolle Journalismus in unserer Gesellschaft spielen kann und muss. Ich habe genau deshalb ein ganzes Buch darüber geschrieben, was neulich erschienen ist. Es gibt große Fails im System, Aufmerksamkeitslogiken und eben auch Missverständnisse, welche die Branche vor große Herausforderungen stellen.
 
Bitte berichten Sie darüber, diese Aufklärungsarbeit ist so wichtig für unsere Branche."
 
Zur Person: Mary Abdelaziz-Ditzow baute beim Handelsblatt als Ressortleiterin den Erfolgs-Podcast „Handelsblatt Today" auf und wurde dafür mit dem DDV-Preis ausgezeichnet. 2022 wechselte sie zu n-tv, wo sie als Leiterin „Wirtschaft und Innovation" zentrale Marken wie die Telebörse verantwortete und 2024 für ihren Podcast „Wirtschaft Welt & Weit" mit dem Friedwart-Bruckhaus-Preis geehrt wurde. Seit April 2025 ist sie Chefredakteurin Wirtschaft & News bei Finanzfluss und moderiert dort den täglichen Wirtschaftsnews-Podcast „im Loop".
 

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