Der "Zeit"-Redakteur wirft Investigativjournalisten Schröm und Thiele "hanebüchenen Unsinn vor". Es geht um den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines.
Henning Kornfeld hat für "
kress.de" recherchiert: "Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der “Zeit”, hat Oliver Schröm und Ulrich Thiele scharf angegriffen. Er wirft ihnen vor, sie verbreiteten “teils hanebüchenen, teils strafrechtlich relevanten Unsinn”. Stark bezieht sich auf das Buch “Die Sprengung” der beiden Investigativjournalisten über den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines im Jahr 2022. Sie legen darin nahe, dass Stark 2023 in der “Zeit”-Enthüllung über die mutmaßlichen Täter aus der Ukraine einen Spin der Bundesregierung übernommen habe und durch sie instrumentalisiert wurde.
Das Buch “Die Sprengung” der Investigativjournalisten Oliver Schröm und Ulrich Thiele enthält selbst jede Menge Sprengstoff - auch für die Medienbranche. Die beiden Autoren beschäftigen sich darin mit den Hintergründen des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines im Jahr 2022. Laut ihren Recherchen hatten die mutmaßlichen Täter, ehemalige Geheimdienstler aus der Ukraine, enge Verbindungen zur CIA. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe von dem Anschlag wahrscheinlich nichts gewusst.
Schröm und Thiele thematisieren in ihrem Buch auch die Rolle von Wolfgang Schmidt, Kanzleramtsminister bis 2025, der für enge Kontakte zu zahlreichen Journalisten bekannt ist. Hat er womöglich dafür gesorgt, dass die mutmaßliche Täterschaft der Ukrainer schließlich im März 2023 öffentlich wurde? Und hat er der Geschichte dabei einen Spin im Sinne der Bundesregierung mitgegeben? Schröm und Thiele schreiben das in ihrem Buch nicht explizt, legen einen solchen Hergang aber nahe. Damals berichteten (neben der “New York Times”) die “Zeit” und die ARD.
Die beiden Buchautoren haben insbesondere Holger Stark im Blick, den stellvertretenden Chefredakteur der “Zeit” und Leiter ihres Investigativressorts. “Holger Stark ist im Buch prominent vertreten, weil er viele Details über die Ermittlungen enthüllt hat, was ja die Aufgabe eines Investigativjournalisten ist”, sagte Thiele gerade in einem Interview mit “T-Online”. “Kritikwürdig ist aus meiner Sicht nur, bei allem Respekt vor seiner Arbeit, dass er sehr früh den Spin gesetzt hat, die Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung müsse wegen der Sabotage überdacht werden. Das erscheint mir angesichts der Unklarheit, inwiefern der ukrainische Staat und Selenskyj involviert waren und auch angesichts der Rolle, die der Bau von Nord Stream bei der Kriegseskalation gespielt hat, fragwürdig.”
Schröm beklagt in dem Interview grundsätzlich eine zu große Nähe zwischen Journalisten und Politikern in Deutschland: “Wenn ich mit jemandem Fußball spiele, über den ich auch berichte, laufe ich Gefahr, mich unter dem Deckmantel des Journalismus zum PR-Mann für Regierungspolitik zu machen.” In dem Buch heißt es, der “Zeit”-Journalist Stark und der SPD-Politiker Schmidt seien lange miteinander bekannt und duzten sich.
Bei Holger Stark sind solche Andeutungen nicht gut angekommen. In einem langen Statement bei Linkedin schreibt er von “teils hanebüchenem, teils strafrechtlich relevantem Unsinn”. “Grundfalsch” sei der von Schröm und Thiele erweckte Eindruck, wonach das Kanzleramt “gezielt an die Medien lanciert” habe, dass Nord Stream von Ukrainern gesprengt wurde, um die deutsche Zurückhaltung bei Waffenlieferungen zu rechtfertigen.
Stark bestreitet explizit, dass Kanzleramtsminister Schmidt oder die Bundesregierung Quelle für seine Enthüllungsgeschichte im März 2023 und einer späteren Berichterstattung war. “Der erste Hinweis an mich, dass die Spur in die Ukraine führt, stammt aus dem Oktober 2022”, schreibt der “Zeit”-Vize zum Beispiel. “Er kam von jemandem, der keine politischen Ämter bekleidete und keine Rolle im politischen Berlin spielt.” Zu Schmidt habe er vor der Enthüllung im März 2023 überhaupt keinen Kontakt bezüglich des Anschlags gehabt. Die Bundesregierung und die Ermittlungsbehörden hätten zudem lange versucht, Details über die Täter unter Verschluss zu halten.
Schröm und Thiele haben Stark zufolge keinen Versuch gemacht, ihn und seinen ebenfalls an der Nord-Stream-Recherche beteiligten Kooperationspartner Georg Heil von der ARD mit ihren Thesen zu konfrontieren: “Wie kann es sein, dass die beiden Buch-Autoren es über viele Monate nicht einmal für nötig befanden, bei der Zeit und der ARD nachzufragen, wie unsere Berichterstattung zustande kam?”, fragt er rhetorisch. Das Vertrauen in den Journalismus könne man nicht nur durch zu große Nähe, sondern auch durch das “Herbeifantasieren einer vermeintlichen Konspiration” beschädigen. “Wer am Beispiel der Nord-Stream-Berichterstattung insinuiert, Medien und Politik steckten unter einer Decke, der bedient eine gefährliche Erzählung auf Basis falscher Annahmen.”
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