Der „Finanztip“-Chefredakteur zur Frage, wann Empfehlungen ins Werbliche kippen. Und wie man der Gefahr entgeht.
Anne Hünninghausen hat für
„Wirtschaftsjournalist:in“ einen Blick in Redaktionen und ins Medienrecht geworfen, um zu zeigen, wo die Grenzen verlaufen. Ein Auszug:
„Geld ist zum Medienthema geworden. Vor wenigen Jahren galt der Bereich Finanzen in vielen Redaktionen als lästige Pflicht. Börsen-News und Ratgeberstücke mit Spartipps waren gemacht für die Nische und entsprechend schwer auffindbar. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie interessierten sich immer mehr Deutsche für den Kapitalmarkt – und das führte zu einem regelrechten Boom der Finanz- und Verbrauchersparte. Wie finde ich die beste Krankenversicherung? Welche Bank bietet die fairsten Depots? Wie lege ich mein Geld fürs Alter an? Solche Themen findet man immer häufiger.
Parallel dazu sind neue Stimmen laut geworden – Finfluencer, die ihrer Community in 60 Sekunden erklären, wie sie „mit 25 schon in Rente gehen“ können oder welche Aktie „explodieren“ wird. Manche sind charmant, manche aggressiv, fast alle sprechen ein junges Publikum an. Während sie mitunter die immer gleichen Produkte preisen und Affiliate-Links setzen, sieht guter Finanzjournalismus ganz anders aus. Er steht unter dem Schutz – und unter dem Zwang – des Pressekodex. Redaktionen dürfen informieren, sie sollen einordnen, aber sie müssen unabhängig bleiben. Doch genau hier
beginnen die Fragen: Wie nah darf Journalismus an die Beratung heranrücken? Wann also kippt ein Text ins Werbliche?
(…)
Das Verbraucherportal „Finanztip“ wagt sich besonders weit vor in Sachen Empfehlungen. Es wurde 2014 von Hermann-Josef Tenhagen gegründet und versteht sich als Ratgeberplattform für alle Fragen rund ums Geld. Hier gibt es etwa Vergleiche von Girokonten oder Auslandskrankenversicherungen, alle Informationen werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Mehr als eine Million Menschen haben den Newsletter abonniert, die Website verzeichnet Millionen Abrufe, auf YouTube und TikTok erreichen die Videos Tausende Menschen. „Unsere Texte entstehen aus dem Anspruch, alles verständlich und klarzumachen – damit jeder Leser weiß, was wirklich zählt“, sagt Tenhagen.
Der Anspruch ist streng geregelt. Aus Tenhagens rund 90-köpfigen Team darf niemand Nebentätigkeiten in der Finanzbranche haben oder Auftritte auf Podien von Unternehmen annehmen, die als Gefälligkeit verstanden werden könnten. Jede Empfehlung durchläuft einen mehrstufigen Prozess:
1. Ein Redaktionsmitglied identifiziert ein Bedürfnis – etwa nach einer guten Auslandsreisekrankenversicherung.
2. Das Team startet mit der Analyse, vergleicht alle relevanten Produkte am Markt.
3. Die wissenschaftliche Abteilung, bestehend aus drei Personen, prüft die Methodik: Welche Kriterien sind wirklich relevant? Welche Zahlen belastbar?
4. Erst dann entsteht eine Empfehlungsliste – und auch die wird mehrfach gegengelesen.
„Wenn wir Empfehlungen aussprechen, dann steht dahinter ein Prozess, bei dem ein ganzes Team aus Experten und Wissenschaftlern jedes Detail prüft“, erklärt Tenhagen. Das Ergebnis sind Listen mit wenigen, dafür aber klar begründeten Produkten. Bei Versicherungen sind es oft zwei bis vier Anbieter, ein Ranking der „Top Ten“ wird nicht promotet, schließlich wolle man nur die wirklich guten Angebote hervorheben. Zudem meidet die Redaktion den Begriff „Testsieger“– zu werblich, findet Tenhagen. Stattdessen heißt es: „empfohlene Tarife“.
Und auch hier müsse man differenzieren, betont der Finanztip-Chef: „Eine bestimmte Auslandsreisekrankenversicherung kann für eine Familie sehr geeignet sein, für einen Rentner aber teuer werden. Finanztip zeigt diese Unterschiede und erklärt die Altersgrenzen verschiedener Anbieter, sodass aus dem Kontext klar wird, für wen sich Produkte eignen und für wen nicht.“ Um die Bedingungen und einzelnen Tarife aufzuschlüsseln und zu vergleichen, nutzt das Portal gern Tabellen. Das wichtige ist: Es ist klar nachvollziehbar, warum ein Produkt besser abschneidet als das andere – und es wird nie konkret zu einem Kauf geraten.
Was bei „Finanztip“ auch zum Alltag gehört: „Wir entfernen Empfehlungen regelmäßig – entweder, weil der Anbieter sein Produkt verschlechtert oder weil andere mit besseren Konditionen auf den Markt kommen. Und dann erklären wir das öffentlich“, sagt Tenhagen. Mitunter entsteht dadurch Reibung mit den Anbietern, Tenhagen seufzt. „Die rufen dann auch gern mal bei mir an und beklagen sich.“ (…)
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