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News / John Carreyrou witterte „Böses Blut“
Ein Rechercheur mit Spürsinn: John Carreyrou. (Foto: Michael Lionstar)
09.03.2023   Aktuelles
John Carreyrou witterte „Böses Blut“
John Carreyrou recherchierte den Fall Theranos lange Zeit gegen große Widerstände für das „Wall Street Journal“. Der Investigativreporter veröffentlichte den Bestseller „Bad Blood“ 2018, verließ seine Zeitung 2019, um seine Recherchen zu vermarkten. Thomas Schuler gibt einen Einblick in das, aus seiner Sicht, beste Lehrbuch der Recherche.
Elizabeth Holmes war das Wunderkind des Silicon Valley und versprach, mit neuartigen Bluttests das Gesundheitswesen zu revolutionieren; als erste Frau schuf sie ein Start-up mit dem Namen Theranos im Milliardenwert. Dann kam der Reporter John Carreyrou und deckte ihre Lügen auf.

John Carreyrou hat Elizabeth Holmes fünf Monate lang um ein Interview für das „Wall Street Journal“ gebeten, die auflagenstärkste Tageszeitung in den USA. Vergeblich. Vielleicht liegt darin eine Antwort auf das Rätsel, warum er sich nicht von ihrem Charme täuschen ließ und ihre Lügen aufdecken konnte. Vor allem liegt sein Erfolg vermutlich an seinem hartnäckigen methodischen Vorgehen, das er Schritt für Schritt in seinem Buch „Bad Blood“ beschreibt.

Es beginnt im Februar 2015. John Carreyrou hat gerade mit Kollegen in einer einjährigen Recherche einen Betrugsfall im Krankenversicherungswesen aufgedeckt. Er sitzt in seinem Büro vom „Wall Street Journal“ in Manhattan und überlegt, was seine nächste große Recherche sein könnte. Obwohl er seit 16 Jahren für das „Wall Street Journal“ investigative Recherchen betreibt, fällt ihm der reibungslose Übergang in ein neues Projekt immer noch schwer, wie er zugibt. Dabei hat er schon zweimal im Team den Pulitzer-Preis gewonnen.

Einer seiner Informanten aus der vorangegangenen Recherche, ein Fachmann für Labormedizin, meldet sich mit einem Tipp. Er will über seine Zweifel an einem großen Porträt im „New Yorker“ über Theranos sprechen, ein vielbewundertes Start-up im Silicon Valley, das eine Revolution bei Bluttests verspricht. 400 Diagnose-Verfahren von Krebs bis Diabetes mit nur wenigen Tropfen Blut. Der Artikel enthält jedoch kaum Informationen über die neue Methode, die doch das eigentliche Thema sein müsste. Carreyrou hat den Bericht ebenfalls gelesen und empfindet ähnlich.

Die Vorstellung, dass Elizabeth Holmes, die Theranos als 19-jährige College-Abbrecherin 2003 gründete, mit nur zwei Semestern Chemie eine revolutionäre wissenschaftliche Entwicklung anstoße, kommt ihm verrückt vor. Das mag an seinem Fachwissen aus dem Gesundheitswesen liegen.


Wie John Carreyrou den Schwindel aufdeckte, lesen Sie in „Wirtschaftsjournalist:in“.